URL: www.caritas-fils-neckar-alb.de/aktuell/presse/wohltuende-beratung-in-der-eigenen-muttersprache-5845b7fa-7b2a-442b-a12e-30e58cc7a468
Stand: 10.05.2019

Pressemitteilung

Muttersprachliches Tandem

Wohltuende Beratung in der eigenen Muttersprache

Die katholische Schwangerschaftsberatung der Caritas in Reutlingen berät Frauen im Tandem

»Für mich hat sich hier eine ganz neue Welt eröffnet«

Seit 2015 bieten die beiden Frauen ihre Beratung im Tandem an – so gelingt es ihnen nicht nur, ihre Klientinnen auf vielfältige Art zu unterstützen, sondern sie – dank Karima Azemal – auch in ihrer Muttersprache zu begleiten.

Auf dem Tisch stehen duftender Kaffee und heißer Tee, Kekse und eine Box mit Taschentüchern. In der Kaiserstraße, mitten in Reutlingen, befindet sich der Arbeitsplatz von Jutta Birkhold und Karima Azemal. Beide Frauen sind für die katholische Schwangerschaftsberatung der Caritas im Einsatz – mit einer Besonderheit: Sie arbeiten im Tandem. Karima Azemal, deren Familie aus Marokko stammt, bietet den Frauen als Familienhebamme sozialmedizinische und psychologische Betreuung an, ihre Kollegin Jutta Birkhold ergänzt das Angebot mit ihrem sozialpädagogischen Fachverstand.

So fällt es leichter, Vertrauen aufzubauen.

Beide erleben, wie gut es ihren Klientinnen mit Migrations- und Geflüchtetenhintergrund tut, sich in ihrer Muttersprache verständigen zu können und wie viel leichter es den Frauen dadurch fällt, Vertrauen aufzubauen.

Die Tür geht auf und mit einem fröhlichen »Guten Morgen und Salam aleikum« kommt Amani Qatush ins Zimmer. Seit dreieinhalb Jahren lebt die junge Syrerin mit dem langen schwarzen Haar mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Reutlingen. Der Kontakt zur Caritas hat sich bei ihr vor knapp zwei Jahren entwickelt, damals war die heute 29-Jährige mit ihrem dritten Kind schwanger und auf der Suche nach Unterstützung. »Ich fand es so toll, mich hier in meiner Muttersprache verständigen zu können, sagt sie dankbar, »bei der Caritas wurde ich mit offenen Armen empfangen und bestärkt. Für mich hat sich hier eine ganz neue Welt eröffnet«, fügt sie hinzu, »dass Menschen mir – ohne Hintergedanken – wirklich helfen wollen, kannte ich bis dahin nicht«.

Große Wertschätzung und Verständnis.

Über die Monate hat sich zwischen Amani Qatush, Jutta Birkhold und Karima Azemal ein enger Kontakt entwickelt. »Ich komme gerne her«, sagt die dreifache Mutter in gutem Deutsch und lächelt, »ich fühle mich angenommen und erfahre große Wertschätzung und Verständnis.« Regelmäßig ist die Syrerin mit 24 anderen Frauen auch bei dem monatlichen Café Anisa dabei, das Jutta Birkhold und Karima Azemal anbieten. Hier werden in lockerer Atmosphäre wichtige Themen besprochen, Informationen weitergegeben und Kontakte geknüpft.

»Als ich Amani kennengelernt habe, hätte ich nie gedacht, dass sie eine so traurige Geschichte in sich trägt«, sagt Karima Azemal. Auch bei diesem Termin erscheint die junge Frau lebensfroh und voller Energie. Wenn sie jedoch von den Dingen spricht, die sie mit ihrer Familie erlebt hat, zeigt sich schnell, wie tief die Verletzungen sind, die sie in sich trägt.

Weil sie aufgrund von Krieg und Terror nicht länger in Damaskus bleiben kann, entscheidet sich Amani Qatushs Familie schweren Herzens, ihre Heimat zu verlassen. Am 7. November 2015 packen Amani, ihr palästinensischer Ehemann und ihre Kinder (2 und 6 Jahre) das Notwendigste ein und machen sich mit ihrer Mutter, ihrer Schwägerin und ihrer Schwiegermutter zu Fuß auf den Weg in die Türkei. Mit Hilfe von Schlepperbanden, die horrende Beträge verlangen, vorbei an Militär und radikalen Islamisten fliehen sie Richtung Grenze.

Sprachlos und vor Angst wie gelähmt.

Wenn Amani Qatush die unvorstellbaren Zustände beschreibt, die sie erlebt hat, dass sie alle sprachlos und vor Angst wie gelähmt waren, kommen ihr immer wieder die Tränen. 17 Tage hat ihre Flucht im November 2015 von Damaskus nach Leipzig gedauert – Tage, die der jungen Mutter vorkommen wie Jahre. Es ist eine Zeit, die sie noch immer zu verarbeiten versucht, und die das Leben ihrer Familie komplett auf den Kopf gestellt hat. »Wir haben unser ganzes Leben in Damaskus zurückgelassen«, sagt sie leise, »und wir hatten ein gutes Leben. Mein Mann stand kurz vor seinem Abschluss als Rechtsanwalt, wir hatten eine schöne Wohnung und viele Freunde. Ich hätte mir niemals ausgemalt, dass wir eines Tages fliehen und ums nackte Überleben kämpfen müssen«, ihre Stimme stockt.

In der Türkei angekommen, geht es von Istanbul nach Izmir. Im Laderaum des Kleinlasters 50 Personen, kein Fenster und die klare Ansage der Schlepper: Absolute Ruhe! Wie stellt man zwei kleine Kinder stundenlang ruhig? Amani Qatush weiß es heute selber nicht mehr. Von Izmir aus führt ihre Flucht in Richtung der griechischen Insel Lesbos aufs Meer. Am Ufer zwei kleine Holzboote. Es ist stockdunkle Nacht. »Für mich war es das Schlimmste, auf das dunkle Meer zu schauen, an der Hand meine beiden Kinder«, sagt die 29-Jährige unter Tränen.

Im Boot atmen die Kinder kaum noch.

»Wir waren total ausgeliefert, nicht mehr in der Lage, uns zu wehren oder mit den Schleppern über die fragwürdige Beschaffenheit der Boote zu reden.« Sie zwängen sich hinein, bewegen sich nicht und sprechen kein Wort. Die Kinder atmen kaum noch. Eineinhalb Stunden später erreicht das erste Boot das rettende Ufer, das zweite kommt niemals an. Noch heute hört Amani Qatush die verzweifelten Hilfeschreie.

Anderes verschwimmt in ihrer Erinnerung. Endlose Fahrten durch die Dunkelheit – Lesbos, Athen, Mazedonien, Serbien, Slowenien und Österreich. Ein Zehn-Kilometer-Marsch durch die Nacht. Eisige Kälte. Angst und Ungewissheit – wohin bringen sie uns?

Die erste Station in Deutschland ist ein Auffanglager in Leipzig, auf eigene Faust reist die Familie weiter nach Stuttgart, wo Amani Qatushs Bruder lebt. Von dort geht es nach Meßstetten und schließlich – mit bewilligtem Asylantrag – nach Reutlingen. Acht Monate lebt die Familie mehr schlecht als recht in einer Unterkunft mit weiteren sechs Familien, dann endlich findet sie eine eigene Wohnung.

»Ich hatte gehofft, dass ich dort endlich zur Ruhe kommen und die Dinge verarbeiten kann«, sagt Amani Qatush, »aber das klappt nicht. Es fällt mir so schwer, bei Null anzufangen«, gesteht sie. »Was früher selbstverständlich war, müssen wir uns nun mühsam erarbeiten. Wir geben uns solche Mühe, uns in die Gesellschaft zu integrieren, doch wir stoßen immer wieder auf Ablehnung und Vorurteile«, sagt sie traurig. Als Mensch zweiter Klasse wahrgenommen zu werden, belastet sie.

Die Flucht hat ihren Sohn traumatisiert.

Auch um ihren Sohn macht sie sich große Sorgen. Die Flucht hat ihn traumatisiert, in der Schule wird er gemobbt und findet keinen Anschluss. Da ihr Mann Palästinenser ist, sind auch ihre drei Kinder palästinensisch und gelten in Deutschland als staatenlos. Diese ungeklärte Identität und die drei XXX in seinem Pass machen ihrem Sohn stark zu schaffen. »Da muss es doch eine Lösung geben«, meint Amani Qatush, »nicht zu wissen, wer sie sind, hinterlässt Spuren auf den Seelen der Kinder«. Dennoch kommt es für die Familie nicht in Frage, eines Tages nach Skandinavien oder in die Benelux-Staaten zu gehen, wo Palästinenser anerkannt werden. »Ich bin Deutschland unendlich dankbar, das sehr viel für uns getan hat«, sagt die 29-Jährige mit fester Stimme. »Hier sehen wir unsere Zukunft.«

Das geht vielen Frauen so, die Jutta Birkhold und Karima Azemal betreuen. Im Laufe der Zeit kommen sie den Familien sehr nahe – mindestens bis zum dritten Geburtstag der Kinder bleiben sie in Kontakt, fördern, vermitteln und unterstützen sie, wo es nötig ist.

Wo liegt der Bedarf der Familie?

Etwa 130 Erstgespräche führt das Tandem-Team im Jahr, bevor es sich sensibel jeder einzelnen Frau annimmt. Wo liegt der Bedarf der Familie? Welche Fragen stehen an? Wo wird Hilfe benötigt? »Die Themenpalette ist riesig«, sagt Jutta Birkhold, »es geht um finanzielle Not oder um die Suche nach einer Wohnung, es geht um Behördengänge, sportliche und kulturelle Angebote für Kinder, Integration, Sprachkurse mit Kinderbetreuung, medizinische Fragen oder Traumatisierungen.«

Der Sozialpädagogin und der Familienhebamme liegt es am Herzen, ihre Klientinnen vertrauensvoll auf Augenhöhe zu beraten und ihnen zu zeigen, dass sie angenommen und wertgeschätzt werden. »Wir sind gut zusammengewachsen«, sagt Jutta Birkhold und lächelt zu Karima Azemal hinüber, »wir ticken ähnlich und harmonieren miteinander.« »Es ist wichtig, dass die Chemie zwischen uns stimmt«, bestätigt ihre Kollegin.

Beide Frauen fühlen sich bei der Caritas in Reutlingen an der richtigen Stelle, erleben ihre Arbeit als bereichernd und sehr befriedigend. »Weil wir den Frauen hier wirklich helfen können«, sagt Karima Azemal.

 

 

Copyright: © caritas  2019